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Ein Kaiserdom macht Schule

Außerschulischer Lernort Kaiserdom in Königslutter

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Eric ist begeistert – ein echtes Kettenhemd! Die Augen der Mitschüler werden noch größer, als schließlich ein Nasalhelm in die Runde gegeben wird. So schwer hatte man sich die Ausrüstung eines Ritters nicht vorgestellt! Derweil kämpfen einige Mädchen mit den Mönchskutten – wo ist vorne, wo hinten? Und warum mussten die Mönche so etwas eigentlich anziehen? In einer anderen Ecke bereitet sich indessen der König, der heute einmal Leon heißt, mit seinem Gefolge auf seine Krönung vor. Aber wie hieß nochmal die Kugel mit dem Kreuz obendrauf?

Szenen eines historischen Workshops am außerschulischen Lernort Königslutter. Dass seine Grabeskirche über 850 Jahre nach seinem Tod einmal Schülerinnen und Schülern als spannender Lernort dienen könnte, hätte sich Kaiser Lothar wohl nicht träumen lassen. Aber vermutlich wäre der alte Kaiser ganz zufrieden damit, was in seiner gestifteten Kirche an manchen Tagen so vor sich geht. Denn was diese Bildungsstätte in der Region so einzigartig macht, ist nicht nur die besondere Atmosphäre des Bauwerks, sondern auch das vielfältige, handlungsorientierte Angebot für Schulklassen aus den Bereichen Geschichte, Kunst, Architektur, Musik, Religion und Naturwissenschaften. Lernen am Kaiserdom – das bedeutet in erster Linie Lernen mit allen Sinnen, kreativ sein und selbst zum Entdecker werden. Umgesetzt werden kann dies in zehn frei buchbaren Workshops, die sich jeweils unterschiedlichen Schwerpunkten widmen, dabei jedoch das Prinzip des fächerübergreifenden Lernens nie aus den Augen verlieren. Inhaltlich orientieren sich sämtliche Angebote an den allgemein gültigen Rahmenrichtlinien. Und ganz nebenbei werden so durch die Verbindung kreativen Tuns mit spielerischer Wissensvermittlung Kompetenzen geschult, Wissen gefestigt und junge Leute für einen nachhaltigen Denkmalschutz sensibilisiert.

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Weit über 3000 Schülerinnen und Schüler haben seit 2010 die Angebote mit Begeisterung wahrgenommen. Die Idee, schulisches und außerschulisches Lernen am Kaiserdom sinnvoll miteinander zu verknüpfen, scheint zu funktionieren.

Ganze Schulklassen haben inzwischen den Dom vermessen, Wappen angefertigt, wie die Domrestauratoren gemalt oder wie die Mönche geschrieben. Andere haben auf einem Teppich liegend das Gewölbe im Chor betrachtet, die Kirche mittels Rallye erkundet oder den Dom zur Kulisse für Rollenspiele gemacht. Manch eine Schulklasse hat sogar schon einen Blick hinter die Orgel werfen dürfen. Für die praktische Arbeit nutzen einige Workshops die Seminarräume in unmittelbarer Domnähe, wo nach Herzenslust gekleckst, gewerkelt und Schablonen oder Collagen hergestellt werden können. Hier findet man auch die Klosterapotheke, in der nach einer Praxis-Einheit im Kräutergarten Salben angerührt, Tee gemischt oder Kräuter erschnuppert werden können.

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Doch wer sind eigentlich die Menschen, die dafür sorgen, dass jeder Workshop auch pannenfrei abläuft? Ohne die 15 engagierten Kräfte, die ihre Kompetenz und Leidenschaft in dieses Projekt stecken, würde dieser Lernort nicht existieren. Sie sind es, die den Kindern und Jugendlichen Lernerlebnisse bescheren, die diesen noch lange im Gedächtnis bleiben. Unterstützung erfahren sie dabei auch von Lehramtsstudenten, die ihrerseits während der Workshops wertvolle Praxiserfahrungen sammeln können.

Drei Damen vom Dom

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Workshops müssen jedoch auch koordiniert, evaluiert und in der Öffentlichkeit beworben werden, damit nicht eines Tages die Schüler ausbleiben. Seit Sommer 2013 teilt sich gleich ein Team von drei Koordinatorinnen die vielfältigen Aufgaben des Projektmanagements. Die Agrar-Ingenieurin Dr. Birgit Heinz kümmert sich unter anderem um den Kräutergarten. Die studierte Juristin und Domführerin Christine Jahn gehört ebenfalls dazu. Die ausgebildete Domführerin Silke Hübner schließlich ist studierte Pädagogin der Fächer Geschichte und Theologie. Jede im Team kann auf jahrelange Workshop-Erfahrung zurückblicken und bringt ihre jeweiligen Kompetenzen in die Steuerung des Lernortes ein.

Wir erinnern uns: ein authentischer Lernort, wo aus und mit der Geschichte gelernt werden kann, wo es ausdrücklich erwünscht ist, kreativ zu sein und seine Sinne zu schärfen. Gute Gründe also, das Klassenzimmer einmal in den Kaiserdom zu verlegen. Kaiser Lothar würde es freuen.

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In der Vierteljahresschrift „VIER VIERTEL KULT HERBST 2014“ der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz ist dieser Artikel über den Außerschulischen Lernort auf Seite 42 erschienen.

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